Hinreichend reicht, weil mehr ist besser als einer

A short preface to my english readers: this will be a German post for once, since I’m referring to a Swiss newspaper article and switching between the two languages makes my head spin. Will be back in english next week for sure!

Anlässlich eines Artikels in der NZZ vom 8.11., und eines Kommentars dazu beim Tagi, möchte ich hier auch noch meinen Senf dazugeben. Vor allem deshalb, weil ich genau diesen Standpunkt zu verteidigen versucht habe in einer Diskussion mit einer sehr lieben befreundeten “Working Mom” als ich in London war. Sie war felsenfest davon überzeugt, dass, zumindest in den ersten 3-4 Lebensjahren eines Kindes, sie die allerwichtigste Bezugsperson sei. Und da sie davon so überzeugt war, aber doch auch 80% arbeitet, tat es mir irgendwie weh weil ich mir dachte, dass es so für sie ja sicher sehr hart sein musste, arbeiten zu gehen, weil sie doch zu Hause eigentlich unersetzlich ist in diesem Bild.

Ich persönlich habe mich schon in meiner ersten Schwangerschaft über meine Rechtfertigungsanstrengungen genervt. Was nervte war einerseits die Frage überhaupt von mir nicht allzu nah bekannten Menschen, was ich denn nach der Schwangerschaft arbeiten wolle (na, meinen Job natürlich), gefolgt von der Frage was wir dann mit dem Kind täten (eben ja, die Geschichte mit dem Pflock). Und dann, meistens von Männern, der Kommentar ob das für mich dann auch ok wäre. Ich meine, hätte ich es so organisiert, wenn ich es nicht gewollt hätte? Es war, als ob diese Kollegen, die notabene männlich und meist kinderlos waren, einem geheimen Verschwörungszirkel angehörten. Aber, wie ich dann festgestellt habe, so geheim war dieser Verschwörungszirkel nicht. Und klein eben gerade auch nicht. Sondern, wie im Artikel beschrieben, 66% der Schweizer Bevölkerung. Und ja, genau so hat es sich angefühlt, und tut es noch immer.

 

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Ah, wenn ich das gewusst hätte…. Hätte ich mir glatt die Schwangerschaft und die lästigen Fragen sparen können. Weil wenn Zweifel:  Retoure.

 

Ich versuche dann jeweils noch halbherzig zu erklären, dass mein Mann ja auch 80% arbeitet und es also so wäre, als ob ich 60% und er 100% arbeitet, was ein gesellschaftlich anerkannteres Konzept zu sein scheint. Aber das ist dann meist eh total vergebens, weil ich bereits unwiderruflich in die Rabenmutter-Hölle geschickt worden bin, wo ich wohl bis ans Ende meiner Tag vor mich hinbraten soll. Und jetzt wo ich das schreibe, frage ich mich grad: warum tu’ ich das überhaupt? Ich muss mich hier doch nicht rechtfertigen, schliesslich sind diese Menschen ja noch nicht mal Teil meiner Familie. Werd’ ich also in Zukunft unterlassen, danke. Ist eh eine Frauenkrankheit die ich mir abgewöhnen will. Wohl eine Schwester der mir wohlbekannten Gefallsucht. Versuch ich ebenfalls loszuwerden.

Aber zurück zum Thema: Was ich eben ganz fest glaube ist, dass man die Mütter nicht überbewerten solle. Und ich meine das nicht in dem Sinne, als dass man die Leistung von Müttern im allgemeinen und Vollzeitmüttern im Speziellen kleinreden soll. Im Gegenteil, ich ziehe jeden, wirklich jeden Tag den Hut vor ihnen und ihrer Geduld und Hingabe.

Mit dieser Hochjubelei der Mutter-Kind-Beziehung kommt aber auch eine echt niederdrückende Verantwortung. Denn wenn die Mutter die allerwichtigste Bezugsperson ist, dann liegt eben auch die Ganze Last auf ihr wenns mal nicht so supi läuft. Was es ja oft nicht tut. Und wenn die Mutter die ist, die sich 24/7 kümmert, dann ist sie auch die Einzigste, die dann herausfinden muss, was dem Kind fehlt und wie man das Kind “flickt”. Das kann auch eine Supermutter ganz schön überfordern. Es ist doch irgendwie viel fairer, wenn der Vater hier die Entscheidungen mittrifft, und wenns nur darum geht, ob das Kind jetzt halt ein Zäpfli braucht oder nicht, oder ob man zum Arzt muss oder nicht.

 

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Zu Zweit kann man auch mal nichts sagen, und ist doch nicht allein. Gilt auch für Mütter.

 

Ich sage einfach, dass es andere Organisationsformen gibt, die dem Kind mindestens gleich viel Wärme, Fürsorge, Inspiration und Spass bieten, und die den Müttern das Muttersein etwas einfacher machen. Wohl genau deshalb nehme ich mich hier nicht so wichtig, und das sorgt oft für Irritation. Es wird erwartet, dass ich immensen Stolz aus meinem Muttersein ziehe. Tu’ ich nicht. Ich bin stolz auf meine Kinder um Ihrer selbst Willen, aber nicht auf meine Mutterschaft, denn die, um ehrlich zu sein, ist für mich noch immer ein einfach unfassbares Wunder und Geschenk.

Ja das Kind braucht seine Mutter, aber eben nicht nur. Das Kind braucht genauso seinen Vater, bei dem es gerade auch physisch öfter herausgefordert wird und der zum hundertelfzigsten mal die “falschen” Kleidli in die Krippe mitgegeben hat, und bei dem das Kind mangels Frisur blind durch die Weltgeschichte springt. Ein Papa, der das Kind alleine auf die Rolltreppe lässt, weil er halt nicht so eine Glucke ist wie die Mama. Das ist toll! Es gibt dem Kind Selbstvertrauen.

Das Kind braucht andere Menschen um sich herum, die es lieb haben und mit ihm alte Spiele auf neue Art spielen, oder neue Spiele einführen. Menschen, die Lieder mit anderem Text singen und vielleicht Lautstärkepegel-mässig eine etwas andere Schmerzgrenze haben. Es braucht ausserdem wirklich möglichst viele Kinder in verschiedenen Grössen und Altersklassen um sich herum. Nämlich solche, die es herumbefehlen kann und andere, von denen es herumbefohlen wird. Weil, eben, das Leben das auf die Kinder zukommt, wird sie mit Menschen und Begegnungen aller Art beschenken (oder konfrontieren) und ich denke da hilft es doch enorm, wenn man eine gewissen Flexibilität anerzogen bekommen hat.

Und dann noch was, so nach Wochenenden wie diesem, wo alles irgendwie echt nur anstrengend war (obwohl meine Mimis die tollsten, besten, schönsten, klügsten etcetcpp sind, drei Finger aufs Herz), bin ich total überzeugt, dass es mir und den Mimis gut tut, wenn da wieder mal etwas frischer Wind in unsere Beziehung kommt und wir mal getrennt voneinander was erleben. Das ist in der Beziehung mit dem Partner ja auch “öppedie” durchaus hilfreich.

Weil ja, ich möchte, dass meine Kinder ein Leben haben dürfen, von dem ich nicht alles weiss. Sie sind schon sehr früh fähig, sich eigene Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen, die ich nicht alle nahe kenne. Ich finde das toll. Weshalb nur will man mir glauben machen, dass ich das nicht toll finden darf?

Es soll jede Familie für sich entscheiden, was stimmt für sie (sofern die finanzielle Situation das überhaupt zulässt), nur fände ich es wirklich mega läss, wenn die Gesellschaft sich hier auch etwas emanzipieren würde und diese Müttervergötterung -gopf nomal- subito in den Keller schicken würde. Oder grad direkt in die Rabenmutter-Hölle, dann wär ich nicht so allein da unten.

Happy next week!

P.S: würde mich über Rückmeldungen und Meinungen freuen, auch wenn Sie nicht die gleichen sind.

P.P.S: ihr könntet mir gerne auf meine Blog folgen hier, das macht mich total glücklich. Oder meine Facebookpage liken. Da versuche ich jeweils täglich was Unterhaltsames zu posten, weil das Leben ist ja schon kompliziert genug, oder.

 

 

 

8 thoughts on “Hinreichend reicht, weil mehr ist besser als einer

  1. Fully agree! Ich habe mir vor 19 Jahren nicht soviele Gedanken gemacht, wahrscheinlich war die Zeit noch nicht reif. Aber auch wir haben nicht immer alles gemeinsam gemacht. Mein Part war auch das Grobe, Hütten bauen, Feuer machen, laut Musik hören. Und auch heute haben wir gottseidank Unterschiede: Meine Tochter geht gerne mit Mama shoppen (und mit mir wenn sie etwas teures, chickes braucht), und mit meinem Sohn gehts an Punkkonzerte und Openairs.
    Vergiss die traditionellen Rollenbilder, macht was für Euch am Besten ist!

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  2. Hi Vera, ich habe nen 19 Monate alten Sohn und arbeite seit er 6 Monate alt ist 60% und mein Partner 80%. Ich bin mit der Situation sehr glücklich und erzähle vielen Menschen davon, egal ob sie fragen oder nicht. Bei deinem Text habe ich den Eindruck, nicht fragen zu dürfen wie man eine neue familiäre Situation mit Kindern löst. Ich denke nicht jede Person die fragt, hinterfragt euch. Auch habe ich den Eindruck, dass die Arbeitgeber in der Schweiz in Bezug auf Teilzeitarbeit einigen anderen Ländern doch eine Nasenspitze voraus sind.

    Bin übrigens ne fleissige Blogleserin von dir 🙂

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    • Hoi Martina
      So schön von dir zu lesen! Freut mich dass es für euch so passt, und ja, manchmal bin ich etwas zu stachelig in der Hinsicht. Das Problem ist einfach, sobald man als Frau ein Pensum von über 60% hat (das nenne ich den kritischen Rabenmutter-Graben) sind die Reaktionen anders. Behaupte ich jetzt so. Du könntest es ja mal versuchen wenn dich nächstes Mal jemand fragt und schauen, ob die Reaktion eine andere ist? So als Versuechs-Häsli von meiner Theorie :-D…

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      • Hallo Ihr lieben Super Mami’s

        Ich persönlich finde, dass wir in der Region Zürich schon weit offener sind als noch vor 15 Jahre. So alt ist jetzt meine Tochter. Und vermutlich findet jede Mutter gerade jetzt in Ihrer eigenen Situation eben das was ganz persönlich anklingt als die Herausforderung. Ich fand eher eine “1-Kind-Mama” zu sein als gesellschaftlich “speziell”.Die Frage: “…und wann kommt das 2. Kind…” hat mich lange begleitet. Heute weiss ich, dass diese Frage mehr mit mir zu tun hatte als was das allgemeine Interesse der Gesellschaft je war. einer meiner sogenannter “Trigger-Punkt”.

        Und seit ich mit Mütter arbeite mit dem Programm “Mutterleicht”, verstehe ich, dass die Bedürfnisse und Wünsche sich sehr unterscheiden. Es gibt Mütter die gehen in der Mutterrolle total auf und leben Ihre Berufung (ja und werden als “Gluggere” bezeichnet) und es gibt Mamas die erleben Fülle in ihrem Job und die Kinder laufen als tiefe Bereicherung mit (und haben vielleicht den Titel “Rabenmutter”). Muttersein ist so total ein eigenes individuelles Gefühl. Und bestimmt auch das Vatersein.

        Für mich ist es wichtig, dass wir Mamas mehr gemeinsam für einander unterwegs sind. Uns jeder als Individuum stärken, denn irgendwie sitzen wir im selben Boot. Ich wünsche mir mehr wohlwollender Austausch, denn Kinder auf ihrem Weg zu begleiten, mit unseren Mama-Familien-Bedürfnisse, erfordert Kreativität, Achtsamkeit, Einfühlen, Flexibilität, Geduld, Klarheit, bewusste Kommunikation, ein liebevolles Miteinander, Grenzen setzen-einhalten-überdenken-kontrollieren, Liebe schenken und noch so vieles mehr. Starkes ich durch Starkes wir 😉

        Auf jeden Fall bei sich bleiben, sich in Balance bringen und auch offen bleiben für alle Facetten was das Leben bringt. Der Herzens-Überzeugung folgen und den Weg gehen. Es wird Kritiken geben und viel Lob, die Frage ist wo ist der persönliche Fokus. Die Kinder und Partner sind so tolle Lehrer oder sogenannter Spiegel und so auch was die Gesellschaft heran trägt, im Prinz jedes Gegenüber.

        Und liebe Vera, sehe dich resp. euch als Pioniers an! Viele fragen vielleicht auch aus Bewunderung, das glaube ich ganz fest. Ich habe für dich/euch und alle Mamas die vieles unter einen Hut bringen, tiefe Bewunderung. Hut ab und Hut auf 😉

        Danke für dein offenes Blogging, ich bin voll dabei 🙂

        Grüessli Sandra vo nebet a z.B. mim Moment…smile

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      • Hoi liebi Sandra
        Danke vilmal für din Kommentar! Und fürs Dabeisein!!! Und dass du diesen Artikel in der NZZ überhaupt erst auf meinen FB Newsfeed gebracht hast!!!!Social Media sind eben toll (auch wenn dazwischen furchtbar viel Mist herumgeistert). Ja, mehr Verständnis für alle Formen wäre dringend nötig. Und die Luft sich darüber klar zu werden, was man denn nun möchte, denn dazu hat man ja nie Zeit. Und ist dann noch so beeinflusst von all dem was “die Gesellschaft” grad so für richtig hält. Also, Innehalten und Reinhorchen, mein neues Motto. Und ja, es hilft wenn man schon ein bisschen weiss, wer man ist, bevor die Kinder dazukommen ;-).
        Grüessli vo au näbedra

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  3. Bei uns herrscht Rollentausch! Ich arbeite 80% und mein Mann ist 100% zu Hause. Zum Glück musste ich mich dafür nicht rechtfertigen, sondern habe eher positive Rückmeldungen, wie “Das ist ja super!”, “Du hast das grosse Los gezogen. (sinngemäss)”, “Das ist (auch) eine gute Lösung.”
    Häufig werde ich auch darauf angesprochen, dass es ja supertoll sei, das Kind nicht in Fremdbetreuung geben zu müssen, was ich einzig und allein aus finanzieller Sicht gut finde. Sogar meine Grossmutter hat gemerkt, dass es auch auf diese Weise funktioniert und dass ihre Urenkelin auch völlig anständig erzogen werden kann von einem Mann. Und lustigerweise ist in unserer Familie sogar die “Gluggere” auf den Hausmann übergegangen. Ich bin eher diejenige, die unser Mädchen mal probieren lässt und sagt: “Das machst du gut, du kannst das.” Wo dann mein Mann eher vorsichtig ist, damit sie sich auf keinen Fall die Nase anstösst…. 🙂
    Liebe Vera, ich liebe deinen Blog und freue mich in den wenigen Minuten Freizeit über tolle, auf den Punkt gebrachte Storys!! Weiter so! *uma*

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    • Hey Nadja
      Freue mich sehr, dass du dabei bist, und hier einen Teil der kostbaren freien Zeit verbringst! Ja, ihr seid der lebendige Beweis dafür, dass es auch ganz andersrum geht, was ich cool finde. Den Punkt mit der externen Kinderbetreuung kenne ich. Das Geld das da raus geht ist echt unglaublich. Und du hast ja so recht, diese Stereotype von wegen “Gluggere” sind ja auch Mensch- und nicht Geschlechterabhängig. Was mich noch wunder nähme, wie geht es dir dabei? Hast du manchmal das Gefühl, mehr zu Hause sein zu müssen? Ich habe das an manchen Tagen total, und an anderen bin ich froh, kann ich zur Arbeit :-D. Freue mich sehr über Dein Feedback! Ticki Uma

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